Entschleunigung

Klostergang
Kloster Bebenhausen bei Tübingen

27.03.2018

Bald ist Ostern und gerade ist Fastenzeit. Die knapp sieben Wochen zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag nutzen manche zu „Sieben Wochen ohne“: ohne Alkohol, ohne Schokolade, ohne Fleisch, ohne Smartphone. Ohne Smartphone? Nein, das habe ich mir ausgedacht. Bin zumindest noch niemandem begegnet, außer denen, die eh keins benutzen – und dazu gehöre ich. Und weil Fastenzeit ist, denke ich gerade ein bisschen über das nach, was sich reduzieren ließe. Auch für mich.

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Om Shanti im Allgäu

Allgaeu11.März 2018

Eisige, klirrende Kälte aus Sibirien hat Deutschland im Griff, minus 15 Grad. Ich fahre mit dem Zug ins Allgäu.

Ich schaue aus dem Fenster in die flache Landschaft vor Kempten. Das Feld ist schneeweiß. Da sehe ich in der kargen Landschaft einen Fuchs, der eine Pirouette in der Luft dreht und dann senkrecht mit der Schnauze nach unten in die Erde eintaucht. Es muss eine Maus sein oder ein Maulwurf. Die Menschen um mich herum starren wie gebannt auf ihre Mobiltelefone. Ich würde ihnen so gerne sagen, dass das Leben woanders spielt. 

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Als ich Weihnachtsfreude holen ging

Porträt einer Jahrhundertfrau

Als ich Tante Elli in der Vorweihnachtszeit anrufe, kommt sie gerade aus der Küche. „Ich habe mich durchgerungen, noch einmal Plätzchen gebacken“, stöhnt sie. Was für welche denn, frage ich, denn ich habe keine gebacken. „Ach, so quer durch den Garten: zusammengesetzte Mürbteigplätzchen mit gefüllter Marmelade in der Mitte, dann Zimtplätzchen für die Verdauung und Ingwerplätzchen für die Gesundheit. Und Vanillekipferl, die müssen immer sein“. Pariser Stangerl und diese Nussstangen mit Zitronenglasur habe sie nicht mehr geschafft. Die Backaktion, so höre ich raus, hat meine Tante total aus ihrer Balance gebracht: sie finde manche Rezepte nicht mehr, habe zittrige Hände und dauernd falle ihr was runter.

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Mon amie Pascale

moulin2017Endlos säumen Brombeersträucher links und rechts den Halbhöhenweg zwischen Amplepuis und Cublize. Die warme Septembersonne gibt den schwarzen Beeren die letzte Süße. Pascale pflückt mir die Schönsten und reicht sie mir. Wir essen uns an den Brombeerbüschen satt, die uns fast verschwenderisch ihre Genüsslichkeiten anbieten. An diesem schönen Spätsommertag tun wir das, was wir am liebsten zusammen tun: durch die Landschaft schlendern, spazieren gehen. Nicht walken, nicht wandern, nicht joggen. Ohne Rucksack, ohne Proviant. Gerade haben wir Paulette, Pascales Mutter einen Besuch auf ihrer herrlichen Terrasse abgestattet. Nächstes Jahr kennen wir uns 40 Jahre. Und es ist immer wie gestern, wenn wir uns ein Jahr nicht gesehen haben.

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Syrische Frauen genießen den Bodensee

Rafaa Haj Khalil hob spontan mit anderen syrischen Frauen auf dem Bodenseeschiff die deutsche Flagge hoch. Die 57-jährige studierte Arabischlehrerin und Verwaltungsdirektorin eines Krankenhauses in Aleppo lebt seit zwei Jahren im Kreis Böblingen und absolviert zur Zeit eine Maßnahme der Deutschen Angestellten Akademie (DAA) Böblingen, die sich Per-W, Perspektiven für geflüchtete Frauen, nennt. Ulrike Mössinger und Ingrid Kahlig, Dozentinnen bei der DAA, organisierten und begleiteten die Frauengruppe, die nach einem reichhaltigen arabischen Picknick am Bodenseeufer in Radolfzell gut gelaunt das Schiff bestieg. Im Anschluss ging es dann noch mit dem Baden-Württemberg-Ticket nach Konstanz, wo die Teilnehmerinnen unter der kundigen Anleitung der Überlinger Journalistin und Fotografin Karin Walz die historische Altstadt besichtigten. Nach einem Eis an der Uferpromenade nahe der Imperia ging es dann wieder zurück nach Böblingen. Das Programm gefiel den Frauen so gut, dass manche diesen Ausflug in Eigenregie mit ihren Familien in den Schulferien wiederholt haben.

„Gäubote v. 02.09.2017

Was ist typisch deutsch? Die Teilnehmerinnen aus Per-W berichten:

Die meisten Frauen in Syrien werden von schlechten Traditionen und Gebräuchen bestimmt. Frauen hier in Deutschland sind unabhängig und eigenverantwortlich. Ich mag diesen Stil, die Oberhand über sein Gewissen haben zu können. Ich möchte in voller Freiheit und nach meinem eigenen Willen leben. In meinem Land bin ich damit angeeckt. (übersetzt aus dem Englischen, denn Wafaa war Englischlehrerin in Damaskus).

Wafaa aus Syrien

Ich finde, dass es in Deutschland zu viele Briefe gibt. Man braucht für sein Papier zwei oder drei Schränke im Haus. Sie bekommen Briefe von der Schule, vom Supermarkt, vom Rathaus, von allen Seiten. Bei uns in Syrien haben wir keinen Briefkasten im Dorf, vielleicht gibt es in Großstädten welche. Wir bekommen Papier nur von der Armee oder vom Gericht, darüberhinaus nichts.

Malika aus Syrien

Für mich ist typisch deutsch, dass man in Deutschland bei der Arbeit und bei Arztterminen pünktlich sein muss. In meinem Land ist das nicht so. In Deutschland essen die Leute viel Kartoffeln und Schnitzel und trinken viel Bier. Es gibt viel Regen, aber auch viele Bäume und gute Luft. In Deutschland sind alle Menschen gleich. Frauen und Männer sind durch das Gesetz gleich. Deutsche Leute sind sehr höflich und helfen anderen Menschen.

Rehana aus Pakistan

Für mich ist typisch deutsch, dass die Leute pünktlich sein müssen, zum Beispiel bei Arztterminen oder in der Arbeit. Im Irak ist es in Ordnung, wenn man ein bisschen zu spät kommt. Das kann auch eine Stunde sein.

Ibtisam aus dem Irak

In Afghanistan habe ich es nicht ertragen, wenn viel Wind war. Die Straßen sind sehr staubig und meine Augen haben die ganze Zeit getränt und ich habe genießt. Hier in Deutschland habe ich kaum noch diese Stauballergie, weil die Straßen besser sind.

Mastura aus Afghanistan

In Deutschland gibt es Gesetze und Sicherheit. Das finde ich gut.

Rita, aramäische Christin aus Syrien

In meinem Land sind überfüllte Busse das Transportmittel. Sie fahren nur unregelmäßig.
Hier in Deutschland gibt es Züge, die als Transportmittel zur Verfügung stehen.

Leila aus Syrien

In Syrien haben wir zwar theoretische und praktische Ausbildungen, aber der der Anteil der Praxis ist klein. In Deutschland ist die theoretische und praktische Ausbildung gleichwertig. Der Kindergarten in Syrien ist nur privat. Aber in Deutschland ist der Kindergarten öffentlich, z.B. von der Stadt oder der Gemeinde.

Nada aus Syrien

Wenn ich Filmregisseurin wäre…..

….würde ich einen Film über meine Kinder und das Leid der Flüchtlinge im Mittelmeer drehen. Mein Sohn ist mit dem Boot übers Mittelmeer geflüchtet.

Wafaa

….würde ich einen Film über die Menschheit drehen.

Malika

….würde ich einen Film über die drei Länder Irak, Türkei und Deutschland drehen. Sie sind so unterschiedlich. Im Irak und in der Türkei habe ich mit meiner Familie mehr als zwei Jahre auf der Flucht überlebt. In der Türkei waren wir zwei Jahre. Wir waren nur in einer Flüchtlingsunterkunft, meine Kinder durften dort nicht in die Schule gehen, andere Kinder schon, ich vermute, weil wir Christen waren. Hier in Deutschland sind sie nun auf dem Gymnasium und in der Realschule.

Ibtisam

…..würde ich einen Film über meine Flucht drehen. Ich bin zu Fuß von der Türkei über Bulgarien, Serbien, Ungarn und Wien nach Deutschland gelaufen. Ich war mehrere Wochen unterwegs und habe einem alten Mann auf dem Weg über viele Kilometer meinen Arm angeboten und ihn motiviert, weiter zu gehen.

Leila

Anmerkung: Die Texte der geflüchteten Frauen wurden von ihnen selbst geschrieben bzw. erzählt. Sie stellen eine von mir sinngemäße Übertragung ihres Deutsch-Niveaus ins Deutsche dar. Ich habe die Frauen über mehrere Monate unterrichtet und sie persönlich gut kennengelernt. Sie hatten ein Deutsch-Niveau von A1 bis B1 gemäß des Europäischen Referenzrahmens. Wafaa aus Syrien zog es vor, den Text auf Englisch zu schreiben.