Schöne Aussichten in Tübingen

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Blick aus Hölderlins Schreibstube auf den Neckar

Was die Menschen hierzulande schmerzlich vermissen, hat der schwäbische Lyriker Hölderlin 35 Jahre seines Lebens freiwillig getan: unter die Menschen, nach draußen zu gehen, das interessierte ihn nicht. Er zog sich in sein Turmzimmer zurück und skandierte des nachts seine Gedichte bei geöffnetem Fenster Richtung Neckar.
Das aktuelle Tübinger Modell, Cafés, Theater und Museen durch Schnelltest-Pflicht wieder zu öffnen, wäre für Hölderlin uninteressant, suchte er sein wahres Leben doch lieber in den eigenen Innenwelten. Allenfalls die Aussicht auf seinen geliebten Neckar verband ihn mit der Welt: 

Aussicht.

Der offne Tag ist Menschen hell mit Bildern,

Wenn sich das Grün aus ebner Ferne zeiget,

Noch eh des Abends Licht zur Dämmerung sich neiget,

Und Schimmer sanft den Glanz des Tages mildern.

Oft scheint die Innerheit der Welt umwölkt, verschlossen,

Des Menschen Sinn von Zweifeln voll, verdrossen,

Die prächtige Natur erheitert seine Tage

Und ferne steht des Zweifels dunkle Frage.

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Da sitzt er nun, ganz in sich gekehrt, der Hölderlin. Hält den Blick gesenkt vor seinen Besucherinnen, und die neugierige hinter ihm scheint er nicht zu bemerken. Seine oft schwierige Lyrik hat er sich auch schrittweise erobert, indem er den Flur der Hausleute Zimmer hin und herlief, um für seine Texte die passende Silbenzahl im rhythmischem Gehen zu finden. 


Ich persönlich richte meine Schritte nach dieser wirklich sehenswerten multimedialen Ausstellung auf die Platanenallee gegenüber des Museums. Anschließend genehmige ich mir nach dieser langen Winterpause einen Kaffee in der Außengastronomie der Universitätsstadt – pünktlich zum Frühlingsanfang. Und da gehts mir dann doch wie Hölderlin: Im Außen ist es kalt, im Innen warm.

Dauerausstellung | Hölderlinturm Tübingen (hoelderlinturm.de)

Hölderlinturm am Neckar
Café am Tübinger Marktplatz, März 2021

Impressionisten in Stuttgart

Hier darf die impressionistische Malerei freigewischt werden

Wie schön! Die Ausstellung Mit allen Sinnen – Französischer Impressionismus in der Staatsgalerie Stuttgart ist seit dieser Woche wieder geöffnet. Nach vier Monaten Lockdown-Pause dürfen nun die Werke von Manet, Renoir, Monet, Pissarro, Sisley und Degas wieder gezeigt werden. Auch Impressionistinnen sind dabei: Berthe Morisot, der in Paris eine Dauerausstellung im Musée Marmottan gewidmet ist und Mary Cassatt, die eine enge Weggefährtin von Degas war. Das Besondere an dieser Ausstellung ist, dass mehr als die Hälfte der Bilder, nämlich 33 von 60 Exponaten, Bilder aus anonymen Privatsammlungen sind (und übrigens auch nicht fotografiert werden dürfen).

Claude Monet, Das Meer bei Fécamp

Direkt vor dem Motiv haben die Maler und Malerinnen des Impressionismus ihre Gemälde realisiert, wie Claude Monet die Felsenküste bei Fécamp am Ärmelkanal. Die tosende Gischt scheint aus dem Bild herauszuspringen. Alltagsszenen und Landschaften entwickeln sich vor den Augen des Betrachters zu lebendigen Ereignissen. Der Moment des Malens und der Augenblick der Betrachtung scheinen untrennbar zu sein.

Die Ausstellung lädt ihre Besucherinnen und Besucher ein, sich auf das sinnliche Sehen und Erleben einzulassen. Manets Flieder ist in der Kontemplation des kleinen Kabinettraumes ebenso »riechbar« wie Degas‘ körperliche Sinnlichkeit in der Selbstverliebtheit der Tänzerinnen »spürbar« und Gauguins gleißendes Sonnenlicht bei den Heuerinnen »hörbar« ist. Die Ausstellung ist bis zum 4. Juli verlängert.

Quelle: Mit allen Sinnen – Staatsgalerie

Staatsgalerie Stuttgart

Krokuszeit in Zavelstein

Krokusblüte in Zavelstein

Zavelstein, die kleinste Stadt Deutschlands, ist wegen ihrer blau blühenden wilden Krokusblüte weithin bekannt. Jetzt im März flanieren in dem kleinen Luftkurort scharenweise Touristen aus nah und fern. Auf dem knapp 4 Kilometer langen Krokusweg genießen sie die ersten Frühlingsstrahlen auf der idyllischen Hochfläche oberhalb Bad Teinachs. Das Krokusblütenmeer auf den Wiesen wird sogar alljährlich in einem wissenschaftlichen Projekt untersucht. Der Zavelsteiner Stadtrat Dr. Karl-Eugen Schroth schätzt in seinem Bericht zur Erhaltung und Förderung des Frühlings-Krokus die Krokusblüten im Naturschutzgebiet 2019 auf 1,57 Millionen Blüten.

Krokusse im Garten eines Imkers

Wie die Krokusse auf die Wiesen des Städtchens kamen, darüber ranken sich einige Legenden. Wahrscheinlich war es der weitgereiste herzogliche Diplomat Benjamin Buwinghausen von Wallmerode, der Samen der Sorte crocus neglectus aus Italien mitgebracht hat.  Der Hof- und Kriegsrat des Herzogs Friedrich I. von Württemberg war ein geschätzter Staatsmann und vor allem in diplomatischer Mission in Frankreich unterwegs. Er bekam die Burg Zavelstein (ursprünglich eine Stauferburg) im Jahr 1616 als Lehen für seine Verdienste.

Burgruine Zavelstein im Schwarzwald

Wahrscheinlich ließ er die Krokuspflanzen zunächst im Schlossgarten anpflanzen, von wo aus sie sich in die Bauerngärten und Wiesen ausbreiteten.

Fotos Krokusblüte: Erwin Wörner

Blick von der Burgruine Zavelstein über den Burggraben auf die Stadt
Krokusgarten in Zavelstein mit Bienenzucht

Weltstadt mit Schmerz

Plakat am Münchner Stadtmuseum

Gelockert wird (noch) nicht, auch wenn der Inzidenzwert in München nun bei unter 50 liegt. So hat es Münchens OB Dieter Reiter unmissverständlich klar gemacht. Weltstadt mit Schmerz statt Weltstadt mit Herz. Lieber als die Headlines der Münchner Tageszeitungen, die an jeder Straßenecke prangen, schaue ich mir bei meinem Rundgang vom Sendlinger Tor Richtung Isar die Plakate und Tafeln in der Innenstadt an.

Das Münchner Stadtmuseum am St.-Jakobs-Platz ist das größte kommunale Museum Deutschlands. Neben Sonderausstellungen und dem Filmmuseum beherbergt es vier Dauerausstellungen: zu Reklamekunst und Stadtkultur, zur Rolle der Stadt im Nationalsozialismus, zu Musik, Puppentheater und Schaustellerei. Erfreulich: Als Sammlung Online präsentiert das Münchner Stadtmuseum erstmals umfassend Kunstwerke aus allen Sammlungsschwerpunkten des Hauses in digitaler Form:

Sammlung Online Münchner Stadtmuseum – Home (muenchner-stadtmuseum.de

St.-Jakobs-Platz mit Jüdischem Museum und Münchner Stadtmuseum

Wie gut, dass ein nostalgisch anmutendes Münchner Kulturgut zwischen Stadtmuseum und Viktualienmarkt geöffnet hat: das Café Frischhut. Für seine leckeren Schmalznudeln (oder original Auszogne), Striezel und Krapfen stellt sich die Standlfrau vom Viktualienmarkt hier genauso an wie Männer im Anzug oder asiatische Touristen.

Café Frischhut mit Faschingsdeko
Müllersches Volksbad

Vom Viktualienmarkt schlendere ich über die Isarbrücke am Müllerschen Volksbad zum Kulturzentrum Gasteig, einem der größten Kulturzentren Europas.
Die Fenster sind geöffnet, Klarinettenklänge klingen auf den Vorplatz, wo ein paar Menschen die Februarsonne genießen. Eine mobile Kaffeestation bietet leckere Kaffeespezialitäten aus Peru an für Passanten, Studierende und Dozentinnen. Hier ist der Sitz der Münchner Philharmoniker, der Münchner Volkshochschule, der Münchner Stadtbibliothek und der Hochschule für Musik und Theater München. Und nur wenige Meter von hier ist Georg Elsers Anschlag auf Hitler 1939 gescheitert.

Warten auf Godot

Eingangsbereich der Staatsgalerie Stuttgart, Oktober 2020

25. Januar 2021

Heute habe ich im Radio gehört, dass italienische Museen in den sogenannten gelben Zonen ab sofort wieder öffnen dürfen. Sehnsuchtsvoll warte ich nun darauf, dass auch hierzulande ein Museumsbesuch bald wieder möglich ist. Tübingen, Münster oder Rostock wären doch schon ein Anfang, das sind ja quasi gelbe Zonen. Gelb ist ja auch die Farbe der Lebenskraft und der Heilung, zumindest für mich. Überstreichen wir unsere trüben Gedanken mit gelb!

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Rauhnächte und Julmond

Schloss Lichtenstein mit Julmond
Das württembergische Märchenschloss Lichtenstein im Schein des Julmondes

Seit alters her gelten die Tage zwischen Weihnachten und den Heiligen Drei Königen als eine besondere Zeit. Eine Zeit wie herausgefallen aus dem Alltäglichen. Die zwölf heiligen Tage zwischen den Jahren werden auch die Rauhnächte genannt. Eine Zeit der Einkehr, der Stille, während es draußen eisig kalt ist und stürmt und schneit. Die Rauhnächte sind aber auch eine Vorbereitung auf das neue Jahr.

Die Menschen meinten früher, dass Geister, die Perchten, draußen ihr Unwesen trieben. Deshalb saßen sie hinterm warmen Ofen, ruhten sich von den Mühen des vergangenen Jahres aus und lauschten den Märchen und Geschichten der Alten. Gott Wotan soll mit seiner Wilden Jagd unterwegs gewesen sein, über die Felder gefegt und so auch wieder fruchtbaren Boden für das neue Jahr bereitet haben. Vorsichtshalber wurden nach Einbruch der Dunkelheit geweihte Kerzen aufgestellt, um die Wildgewordenen von den Gehöften fernzuhalten. Nach Einbruch der Dunkelheit sollte man möglichst nicht mehr aus dem Haus gehen.

In manchen Regionen werden jedoch heute noch die Maskierten, die diese Geister vertreiben, Perchten genannt. So ist es im Alpenraum Brauch, dass am 6. Januar zum Ende der Rauhnächte junge Männer unter gruselig aussehende Larven (Masken) und zottelige Fellkleidung schlüpfen und durch die Dörfer toben. Überflüssig zu sagen, dass diese alten Bräuche gut zum Pandemiegrusel der Jetztzeit passen.

Auch die Frau Holle aus dem Märchen hat mit den Rauhnächten zu tun und ist eine wahrlich schillernde Gestalt, die Gutes und Böses in sich vereint. Frau Holle wird in der Sagenwelt des Alpenraums auch als Perchta bezeichnet. Sie bestraft Faulheit und Verstöße gegen das Festspeisegebot. Die Bestrafung kann von einfachen Albträumen bis hin zum Aufschlitzen des Bauches reichen.  Auch kann Perchtas Atem töten oder blenden.

Umgekehrt belohnt sie Fleiß und Hilfsbereitschaft. Neben vollen Spulen, goldenen Fäden und Flachsbündeln für Spinnerinnen verschenkt sie auch Münzen, die Mägde in Eimern (vorwiegend am Brunnen) finden. Sie soll aber auch für das Wachstum des Getreides zuständig sein. Brunnen oder Teiche sind auch die Orte, an denen Perchta die noch nicht geborenen Seelen hütet. In diesem Sinne gilt sie auch als Führerin der Schar der ungeborenen und der ungetauft verstorbenen Kinder.

Perchta tritt vor allem in den Rauhnächten auf. Ihr Tag ist vornehmlich der 6. Januar, der Dreikönigstag. Perchta soll in dieser Zeit durch die Lüfte fahren: Ihre Alias Frau Holle schüttelt die Betten…..

Julmond, der Vollmond im Dezember

Auch der letzte Vollmond im Dezember, Julmond genannt, verfügt über besondere Kräfte. Er soll die Menschen in den Rauhnächten auf sich selbst und das neue Jahr einstimmen. Altes und Unangenehmes wird losgelassen, das Neue, Bessere ist noch nicht greifbar, aber im Keim schon vorhanden. Der Julmond wurde deshalb auch Heilmond genannt.

Eine Märchenzeit, eine Art Mondzeit, eine Tor zur Anderswelt sind die Rauhnächte. Besonders auf die Träume soll man in den zwölf Nächten achten. Jede Nacht steht dabei für einen Monat des neuen Jahres. Alternativ können zwölf Wünsche für das neue Jahr auf Zettel geschrieben werden. Dann werden sie verbrannt, als Zeichen des Loslassens.

In den Rauhnächten ruhte früher jede Arbeit. Auch jetzt stehen die Räder wieder still. Es ist eine Zeit des Lauschens, in der die Verbindung zur eigenen Seele und zur Natur in den Vordergrund rückt. Ein alter Volksglaube sagt auch, dass in den heiligen Nächten die Tiere sprechen. Lauschen wir, was der Schneevogel zu sagen hat. Vielleicht singt er auf weiter Flur ein neues Lied, um die Perchten zu vertreiben?

Schneevogel auf der Schwäbischen Alb

Fotos: Erwin Wörner

Quelle:
http://www.wikipedia.org
Vom Zauber der Rauhnächte, Vera Griesbert-Schröder und Franziska Muti, Irisiana Verlag
TV-Tipp über Perchtenbräuche: „Rauhnächte – wilde Jagd und stille Zeit“ – Doku-Fiktion im SWR

Wie die Wintersonnwende zu Weihnachten wurde

Herrenberg im Advent 2020
Herrenberger Marktplatz im Advent 2020

In der Advents- und Weihnachtszeit erstrahlen die Innenstädte, Gärten und Häuserfassaden in einem besonderen Lichterglanz, der auch die Seele erhellen soll. So wie die Tage immer kürzer werden, steigt auch die Freude auf die Weihnachtskerzen unterm Tannenbaum mit leuchtenden Kinderaugen. Klingt kitschig, ist aber eine schöne Tradition. Gerade in diesen harten Zeiten, scheint es, glitzern und leuchten die lichtvollen Installationen in den Städten noch mehr, um der Dunkelheit zu trotzen.

Nun, warum feiern wir eigentlich Weihnachten am 24.Dezember, um die Wintersonnwende herum? Es ist nicht belegt, dass Jesus an diesem Tag im Winter geboren ist. Belegt aber ist, dass das Datum der Wintersonnwende (am 21.oder 22.Dezember) nicht nur in heidnischen Kulten eine Rolle gespielt hat. Nach der längsten Nacht werden die Tage wieder länger und heller. Auch die polytheistischen Römer haben diese Wende im Jahreszeitenzyklus gefeiert: sie huldigten damit dem sol invictus, dem unbesiegbaren Sonnengott.

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Dezember am Neckar

Foto: Ursula Kuttler-Merz

Ach, was kann man an Adventswochenenden in diesem verflixten Jahr machen, wenn man das Gefühl hat, nichts geht voran? Spazierengehen zum Beispiel. An der Porta Suebica in Rottenburg steht ein schönes altes Fachwerk-Industriedenkmal am Neckar, ehemals Mühle und Asbestfabrik, das in den 80er Jahren zum Wasserschlössle mit 18 Wohnungen mutiert ist. Der Neckar, der hier das Revier von Schwänen, Bibern und Haubentauchern ist, lädt zu jeder Jahreszeit zum Verweilen und Schlendern ein. Er ist Teil der Stadtlandschaft, und weil gerade Hölderlin-Jahr ist, möchte ich bei der Gelegenheit eine Strophe der Ode an den Neckar zitieren:

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Gesund im Wald

Sankenbachsee im Nordschwarzwald

Waldbaden ist seit Jahren schon in aller Munde. Man muss aber nicht shinrin yoku, den Trend aus Japan und Korea bemühen, denn in Deutschland ist der Wald tief im kollektiven Bewusstsein verankert: das menschliche Dasein hat seinen Ursprung in den Wäldern, seit den Gebrüdern Grimm spielen fast alle Märchen im Wald, der Wald ist Metapher und Sehnsuchtsort. Es gibt viele Publikationen zum Thema Wald, Waldbaden und dem geheimen Leben der Bäume, nun ist der Wald auch in der Medizin, genauer: der naturheilkundlichen Medizin angekommen.
Immer mehr waldtherapeutische Ansätze (shinrin-ryoho) gibt es in Deutschland, wie auf dem naturheilkundlichen Ärzte-Kongress ZAEN in Freudenstadt mit dem Schwerpunkt Waldgesundheit zu erfahren war. Beim Thema Waldtherapie geht es im Gegensatz zum Waldbaden darum, Menschen, die psychisch oder physisch erkrankt sind, Genesung im Wald zu ermöglichen.

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