Ziegen unter Schäfchenwolken

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Wo hört die Wahrheit auf, wo fängt das Märchen an?

Hoch oben am südlichen Rande des Schönbuchs liegt im Gäu eine Landschaft wie aus dem Paradiesgarten. Wo Ziegen unter Schäfchenwolken weiden, blühen im Frühjahr Kirsch, – Apfel- und Zwetschgenbäume soweit das Auge reicht.  Vögel tirilieren in den Lüften und manch scheues Reh wagt sich in der Dämmerung aus dem Wald und lässt den Blick über das Ammertal schweifen.
Vor einigen hundert Jahren haben in einem Dörflein namens Mönchberg fleißige schwäbische Mönche Wein angebaut, da, wo jetzt die Streuobstbäume am Hang in Blüte stehen. Und weil der Wein von hier so schmackhaft war, ging sein Ruf sogar bis hinauf in den Norden des Landes und wurde dort gerne getrunken.

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In dieser Landschaft wie aus der Zeit gefallen, wähnen sich aufmerksame Wandersleute manchmal in der Grimmschen Märchenwelt:

In jener Zeit also, als die Mönche in Mönchberg noch Wein kultivierten, machte sich an einem Tag im sprießenden Frühjahr ein Mädchen auf den Weg in den Wald. Es trug über seinem Arm ein Körbchen mit schwäbischem Hefezopf und dem fruchtigen Wein dieser Gegend. Das arme Kind hatte seine Eltern früh verloren und wollte nach langer Zeit wieder einmal die gute Großmutter in ihrer Hütte im Buchenwald besuchen. Man muss nämlich wissen, zu jener Zeit wütete die Pest in allen Landen und die Großmutter, eine weise und heilkundige Frau, hatte sich schon lange in den Wald zurückgezogen, um aus Kräutern, Blüten und Beeren Arzneien herzustellen.

So ging das Mädchen dahin und machte kurz vor dem Wald Rast, um ein paar Blumen auf der Wiese zu pflücken. Als es so viel zusammen hatte, dass es keine mehr tragen konnte, naschte es ein bisschen vom Kuchen und probierte vom himmlischen Tropfen. Dann fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich leichten Fußes auf den Weg zu ihr.

Liebe Leserin, lieber Leser, wie würdest du das Märchen weiterschreiben?

Laura Vicente Antunes hat in der interkulturellen Schreibwerkstatt Herrenberg diese Fortsetzung geschrieben:

Alsbald traf es am sprudelnden Bach auf den Bäckersburschen, einen kräftigen Jungen von sonnigem Gemüt und immerzu leuchtenden Augen. „Heda, Mädchen, wohin des Weges?“, rief er ihm zu. Das Mädchen verließ den ursprünglichen Pfad und eilte zu ihm hin, denn es mochte den Bäckersburschen gar gern. „Ich besuche die Großmutter und bringe ihr Hefezopf und Wein“, antwortete es. „Wie glücklich sie sich schätzen kann, dass sie so eine eifrige Enkelin hat. Bist du gewillt, mir ein paar Minuten deiner kostbaren Zeit zu opfern und mir beim Fischen Gesellschaft zu leisten?“

„Ich würde ja gerne, aber ich muss weiter zur Großmutter. Sie arbeitet unermüdlich, um die Pest aufzuhalten und die Kranken zu heilen und ich will ihr ein kleines Geschenk machen.“ Der Bäckersbursche nickte, dann hob er den Stock, den er zu einer Art Speer geschnitzt hatte, blickte konzentriert ins Wasser, stieß zu und schon hatte er einen schönen, fetten Fisch gefangen. „Bring den deiner Großmutter. Und bestell ihr recht herzliche Grüße von mir.“ Das Mädchen bedankte sich, nahm den Fisch und legte ihn zu den anderen Speisen in den Korb. Dann verabschiedete es sich von dem Bäckersburschen mit dem Versprechen, auf dem Rückweg wieder bei ihm vorbeizuschauen.

Bald darauf erreichte das Mädchen schließlich die Hütte seiner Großmutter. Frohen Mutes klopfte es an und nach einiger Zeit erschien das runzelige Gesicht einer alten Frau am Fenster. „Großmutter, ich bin’s!“, sagte das Mädchen. Ein Strahlen überzog das Gesicht der Alten und sie öffnete rasch die Tür, um ihr geliebtes Enkelkind in die Stube zu lassen. Das Mädchen stellte den Korb auf den Tisch und wurde dabei einer Vielzahl von kleinen Töpfen und Schalen gewahr, die allesamt mit einer bitter riechenden Salbe gefüllt waren. „Ist das die Medizin, die Kranke heilen kann?“, fragte es. Die Großmutter nickte. „Ja, das ist sie. Doch zeig, was hast du in deinem Korb?“ Und das Mädchen holte all die guten Sachen heraus, die es der Großmutter gebracht hatte. Sogleich deckte die Großmutter den Tisch und sie taten sich an den leckeren Speisen gütlich. „Mädchen, sag, woher ist der Fisch? Er ist so prall und rund“, sagte die Großmutter mit Erstaunen. „Der Bäckersbursche hat ihn gefangen. Ich soll dir recht herzliche Grüße bestellen.“ „Ja, mei, ihm sei’s gedankt. Ein wahres Prachtexemplar.“ Das Mädchen blieb den ganzen Tag bei der Großmutter und kehrte erst heim, als die Sonne bereits hinter den Bergen versank.

Eines Tages erreichte die Pest auch das Dorf des Mädchens. Der Bäckersbursche lag ebenfalls krank darnieder und so wurde das Mädchen erneut zur Großmutter geschickt, Medizin zu holen. Das Mädchen, das Tage um Tage an seinem Bett verweilt hatte, gab ihm einen Kuss auf die mit Beulen übersäte Stirn und machte sich auf zur Großmutter. Als es den Bach erreichte, da es Stunden voller Frohsinn mit ihm verbracht hatte, wurde sein Herz schwer und Sehnsucht trübte seine Sinne. Das Rauschen des Wassers klang nun nicht mehr fröhlich, sondern gleichmütig und das kalte Nass war nicht länger erfrischend, sondern lähmend. Rasch eilte es fort, der Hütte der Großmutter entgegen. Es klopfte an die Türe und als diese geöffnet wurde, warf es sich in die schützenden Arme seiner Großmutter. Diese zog das weinende Mädchen an sich, beruhigte es und hieß es einen Tee trinken. „Der beruhigt die Nerven“, sagte sie und drückte ihrer Enkelin eine Tasse heißen Tee in die Hand. Nachdem das Mädchen davon getrunken hatte, erzählte es von der schlimmen Lage in seinem Dorf und dass es gekommen sei, um Medizin zu holen.

Die Großmutter nickte und begann, einige Fläschchen mit Salben einzupacken. Dann blickte sie auf das Mädchen hinunter, legte die Hände auf seine Schultern und sagte: „Ich habe meine Medizin mit Fischöl verfeinert. Das verstärkt die Wirksamkeit. Der Bäckersbursche hat uns ein wahres Geschenk gemacht.“ „Heißt das, er wird schnell wieder gesund?“, fragte das Mädchen und Hoffnung keimte in seinem Herzen. Die Großmutter lächelte gütig und nickte. „Jetzt bring die Medizin zu den Leuten im Dorf, mein tapferes Mädchen. Sie werden sie nötig haben.“ Und das Mädchen gehorchte und brachte die Medizin zu den Leuten. Zwei weitere Tage verbrachte es am Bett des Bäckersburschen und hielt seine Hand, bis schließlich die Beulen auf seiner Stirn zurückgingen und das Fieber sank. Er schlug die Augen auf, erblickte das Mädchen und sagte seinen Namen.

Da hüpfte das Herz des Mädchens voller Freude und es schloss den Freund in die Arme. Auch die anderen Bewohner des Dorfes wurden geheilt und als sie erfuhren, wem sie ihre Heilung zu verdanken hatten, feierten sie ein großes Fest für das Mädchen und den Bäckersjungen. Die beiden Kinder und die Großmutter aber kürten sie zu Ehreneinwohnern.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute….

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Sonnenaufgang, Soleil levant

Sonnenaufgang 2020 auf der A 81, Sonnenaufgang 1872 an der Seine. Fast 150 Jahre liegen zwischen der Fotografie vom Gründonnerstag und dem Bild von Claude Monet. Die Sonne ist dieselbe.
Wie sich die Bilder ähneln: ein roter Feuerball, gerade über der Horizontlinie aufgegangen, der Himmel im bläulichen Dunst, der in ein gelbliches Orange übergeht. In den Rücklichtern der Autos scheint sich die Sonne zu vervielfachen, wie sie sich im Wasser der Seine spiegelt.

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Noli me tangere auf dem Skulpturenpfad

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Stiftskirche Herrenberg – Blick vom Skulpturenpfad

Was tun, wenn die Türen von Ausstellungen geschlossen sind und auch andere kulturelle Inputs in weiter Ferne?
Beim Spazierengehen habe ich mir deshalb wieder mal den Jerg Ratgeb Skulpturenpfad vorgenommen, der vom Herrenberger Bahnhof bis zum Schlossberg hochführt, ein Freiluftmuseum also. Wie schön, dass Kunst auf diese Weise schweren Zeiten trotzt.
Jerg Ratgeb war ein Maler und wichtiger Anführer der aufständischen Bauern in Süddeutschland und hat zu Zeiten Albrecht Dürers gelebt. 1526 wurde er, gut vierzigjährig, durch die damals übliche Foltermethode der Vierteilung hingerichtet.

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Thermenfreuden unter Tannen

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Therme Bad Teinach Januar 2020

Für mich gibt es nichts Schöneres, als im neuen Jahr in das heilende Wasser einer Schwarzwaldtherme einzutauchen und dabei draußen die frische Tannenluft zu genießen. Baden-Württemberg, so war jetzt auf der CMT, der weltweit größten Touristikmesse in Stuttgart zu hören, ist das Bäderland Nummer eins.

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Mußestunden am Neckar mit Rottenburger Köpfen

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Der Heilige Sankt Nepomuk wacht in Rottenburg seit der Barockzeit über dem Neckar und hat nun Unterstützung von 24 Kindern bekommen, die sich nach und nach den Passanten präsentieren. Bekannt ist das Haus am Nepomuk für seinen gleichnamigen Verlag, und der Verleger Ernst Heimes hat es mit Unterstützung eines jungen Medientechnikers zu einem Adventshaus mit strahlenden Kinderaugen umgestaltet. In diesen Dezembertagen präsentiert der Verlag nun auch seinen zweiten reich bebilderten Band mit dem Titel Geschichten aus dem alten Rottenburg, in dem die Autorin Ursula Kuttler-Merz eine große Auswahl ihrer Schwäbischen Tagblatt-Geschichten zusammengestellt hat. Weiterlesen „Mußestunden am Neckar mit Rottenburger Köpfen“

Auf Spurensuche: Künstlerinnen in Montparnasse

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Friedhof Montparnasse – am Grab von Agnès Varda

Création, inspiration et partage war das Motto der großen Filmemacherin und Fotografin Agnès Varda: Kreation, Inspiration und Teilen. Inspiriert war sie bis zu ihrem Tod im März diesen Jahres, die „Großmutter der Nouvelle Vague“, wie sie auch genannt wurde (sie selbst sah sich eher als Visual-Art-Künstlerin). Agnès Varda war eine der Schlüsselfiguren des modernen Films und erhielt 2017 den Ehrenoscar für ihr Lebenswerk. Im Februar war sie noch auf der Berlinale und Ende März ist sie, 90-jährig, für immer gegangen.  Weiterlesen „Auf Spurensuche: Künstlerinnen in Montparnasse“

Der Weg ist das Ziel: durch den Schönbuch nach Bebenhausen

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Nach einer ziemlich langen Zugfahrt quer durch Deutschland nach Hause habe ich beschlossen, am nächsten Morgen zu einer ausgedehnten Wanderung in den Naturpark Schönbuch zu starten, um meinen Gehapparat wieder in Schwung zu bringen. Nie wäre mir in  den Sinn gekommen, mich einer wie auch immer gearteten Wandervereinsgruppe anzuschließen mit dem Ziel, 23 Kilometer nach Bebenhausen bei Tübingen zu wandern. Aber eigentlich war auch nicht das Ziel in meinem Kopf. Eher der Weg als Ziel und vielleicht, so dachte ich, mache ich doch alles anders als geplant. Kein Druck, immer mit der Idee der spontanen Entscheidungsfreiheit. In meinem eigenen Rhythmus, mal schlendern, mal schneller, aber nie im Walking-Stechschritt, mal hie und da im schönen Goldersbachtal verweilen, mir die Schilder in die verschiedenen Richtungen zu Gemüte führen, das würde  mich ganz offen an eine so lange Strecke herangehen lassen. Ja, die Wegschilder in die verschiedenen Richtungen würden mir die Freiheit geben, vielleicht doch lieber einen Haken in eine andere Richtung zu schlagen. Wie der Hase, den ich im Frühjahr auf der Dachteler Heide durch eine gelbe Löwenzahnwiese springen sah.

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Schöne Aussichten im August

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Mehr Sommer geht nicht mehr. An manchen Tagen gehe ich diesen Weg von dem Ort, in dem ich wohne, nach Herrenberg, um den Blick auf die Schwäbische Alb und die Stiftskirche mit Schlossberg zu genießen. Dort oben läuft jetzt, im August, das Sommernachtskino und es scheint, als ob die Sonnenblumen auf dem Feld vor Kuppingen Teil der Zuschauergemeinde seien. Die Stiftskirche blickt derweil mit der Gelassenheit eines Buddhas in die Landschaft und hat die Wurmlinger Kapelle zwischen Tübingen und Rottenburg im Seitenblick. Die Glucke im Gäu wird sie auch genannt – zu Recht, wie ich meine. Der Aufstieg an der Kirche vorbei zum Schlossberg wird belohnt mit einer phantastischen Aussicht (bis Oktober hat auch das Schlossbergcafé geöffnet). Wer danach noch eine gute halbe Stunde weiter wandert und noch höher hinaus möchte, sieht den Naturpark und die Ausläufer des Schwarzwalds auf dem Schönbuchturm aus der Vogelperspektive.

Schönbuchturm Herrenberg
Schönbuchturm Herrenberg Foto: Minh Ong

Blick auf den Säntis

An der Strandpromenade in Überlingen
An der Strandpromenade in Überlingen

Juli 2019

Unter einem Baum am Wasser zu sitzen ist für mich bei sengender Sonne eine wahre Wohltat. In Überlingen am Bodensee, wo ich im Frühjahr und Herbst gerne mal ein Wochenende verbringe, ist es mir aber momentan zu schwül und zu heiß. Und anscheinend ging es schon der Dichterin Anette von Droste-Hülshoff vor 200 Jahren so, als sie die Sommer in Meersburg, unweit von Überlingen, bei ihrer Schwester und deren Familie verbrachte. Der Blick auf den schneebedeckten Säntis war ihr Trick, um sich abzukühlen (wahrscheinlich war ihr das schwäbische Meer zu warm, oder war Baden zu der damaligen Zeit in ihren Kreisen nicht angesagt). Und so denken wir uns den Konjunktiv in Anettes letzter Strophe vom Sommer einfach weg und tauchen mal ein in das Bild des schneebeckten Säntis als Mentaltrip für einen kühlen Kopf.

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