Om Shanti im Allgäu

Allgaeu11.März 2018

Eisige, klirrende Kälte aus Sibirien hat Deutschland im Griff, minus 15 Grad. Ich fahre mit dem Zug ins Allgäu.

Ich schaue aus dem Fenster in die flache Landschaft vor Kempten. Das Feld ist schneeweiß. Da sehe ich in der kargen Landschaft einen Fuchs, der eine Pirouette in der Luft dreht und dann senkrecht mit der Schnauze nach unten in die Erde eintaucht. Es muss eine Maus sein oder ein Maulwurf. Die Menschen um mich herum starren wie gebannt auf ihre Mobiltelefone. Ich würde ihnen so gerne sagen, dass das Leben woanders spielt. 

Kurz darauf dasselbe Spiel, diesmal ist es ein Raubvogel. Er dreht aber keine Pirouetten mit Sturzflug, agiert eleganter. Ob er fündig wird, weiss ich nicht. Ich freue mich, dass ich diese kleinen Naturschauspiele erleben durfte. Denn obwohl ich nun konsequent die nächsten Tage vegetarisch essen werde – was ich sowieso fast immer tue – , tun mir die von Fuchs und Bussard verspeisten Tiere nicht leid. Nein, anders ausgedrückt: Ich respektiere, dass Tiere andere Tiere fressen.

Nach einer knappen Stunde komme ich kurz nach zwei Uhr in Maria Rain an. Vor drei Jahren war ich um diese Zeit auch in diesem Teil des Allgäus, den Grünten, den Wächter des Allgäus, knapp 1800 Meter hoch, von einer anderen Seite im Blick.

Diesmal ist es anders. Ich fahre nicht in die Kur nach Wertach, einen Monat nach meiner OP, sondern in ein Yoga Vidya Ashram, um zu meditieren und Yoga zu praktizieren.

Und um, wie damals auch, die frische Bergluft auf knapp 1000 Metern Höhe zu genießen. Maria Rain hat eine schöne kleine Wallfahrtskirche, die der Fatima gewidmet und auch Pilgerstätte ist.

Im 17. Jahrhundert, als die Pest in Europa und die Schweden im AlIgäu wüteten, fand diese Kirche regen Zulauf. Die Sage erzählt, dass Maria Rain wie durch ein Wunder von den Schweden verschont geblieben ist. Katholischer Mystizismus neben Yoga und hinduistischen Mantren. Ein interessanter Cocktail.

Ich gehe den Weg an der Landstraße entlang, die Haltestelle Maria Rain liegt etwas außerhalb. Es ist eisigkalt bei milchrig-grauem Himmel, fast mystisch anmutend. Ich genieße das Bergpanorama, das sich rechts von mir auftut. Maria Rain ist bald in Sichtweite und schon erkenne ich das Plakat von YogaVidya, meinem Yogazentrum, in dem ich nun vier Tage und drei Nächte verbringen werde.

Ich biege links ab und bin auch gleich an der Rezeption. Alles klar, alles gut organisiert nach meinem Email, Zimmer 216.

In meinem Mehrbettzimmer begrüßt mich eine junge Frau. Wibke ist seit gestern da und wirkt etwas müde, vielleicht von der Luftveränderung. Sie möchte drei Wochen Karma-Yoga hier im Ashram machen, das heißt, gegen Kost, Logis und dem Programm arbeitet sie sechs Stunden am Tag mit. Sie muss heute umziehen und überlässt mir ihr Bett am Fenster, Erdgeschoss ihres Stockbetts. Ich freue mich und ruhe mich etwas aus, hole mir einen Ingwertee im Speiseraum, bevor ich um 16.30 Uhr in die erste Yogastunde gehe.

Alle liegen schon in Shavasana, in der Toten- bzw. Entspannungsstellung, als ich hereinkomme.  Aber dann gehts zur Sache. Die Yogastunde wird, obwohl Anfängerniveau, teilweise richtig anstrengend, denn sie bietet auch Kopfstandübungen an (die ich für mich persönlich konsequent seit Jahrzehnten nicht als erstrebenswert ansehe). Dafür genieße ich die anderen Asanas – vor allem die Entspannungsübungen – umso mehr. Ich schaue aus dem Fenster, sehe einen blauen Himmel und die ganze strahlende Kraft der Sonne über einem schneeweißen Feld. Surya Asana, der Sonnengruß passt hier perfekt. Und ich praktiziere ihn voller Inbrunst.

Nach einem wunderbaren Abendbuffet gehe ich zur Meditation und zum Kirtan-Singen in den Lakshmi-Raum. Ein Liederbuch hilft mir dabei, die Mantren auf Sankrit mitzusingen, eine Übertragung wird mitgeliefert.

Es hat eine andere Qualität als mein Chorsingen zu Hause, aber ich liebe es, in anderen Sprachen zu singen.

Nun auch in Sanskrit, eine alte machtvolle Sprache, die tief in die Seele geht. Es werden Heilmantren für kranke Menschen gesungen, etwas, das ich auch aus der christlichen Tradition kenne. Mögen alle Wesen glücklich sein.

2.März

Um 7 Uhr morgens gehe ich wieder zur Meditation in den schönen Lakhsmi-Raum, der in gelb, gold und weiss gehalten ist und dessen Fenster den Blick freimachen auf die Berge und die kleine Wallfahrtskriche. Om Shanti, ich begrüße den Tag und bin eine halbe Stunde mit den anderen in der absoluten Stille. Meine Probleme beim Sitzen auf dem Boden habe ich mit ein paar Kissen zurechtgerückt. Meine kleineren Probleme im Kopf lasse ich wie Wolken vorbeiziehen. Anschließend werden wieder Lieder in Sanskrit gesungen, die mir nun etwas besser von der Zunge gehen.

Das Dörfchen hat einen kleinen Edeka-Ableger, der eigentlich ein Tante Emma-Laden ist. Sein Besitzer ist ein freundlicher Mann im mittleren Alter mit fränkischem Akzent, wie mir scheint.

Ich kaufe dort einen Pfefferminztee, eine Süddeutsche und zwei Porzellanpuppen, einen Jungen und ein Mädchen mit Allgäuer Tracht, Auslaufmodell zum Flohmarktpreis. Meine französische Freundin Pascale würde sich vielleicht über dieses Souvenir freuen, wir haben ja auch schon ein Wochenende im Allgäu zusammen verbracht, als ich eine Mutter-Kinder-Kur mit meiner damals 7-jährigen Tochter in Scheidegg gemacht habe. Ich stelle fest, ich bin Allgäu-kurerfahren.

Dann gibt es noch ein nettes Café namens Schnakenhöhe, in dem Ausflügler und Ashram-Bewohner den Panoramablick und leckere hausgemachte Kuchen genießen können. Die Cafébetreiberin hat neben diversen Kaffeespezialitäten auch Yogi-Tees und Chai Latte im Angebot.

Das vegetarische Buffet ist genau nach meinem Geschmack. Es ist frisch und bio. Bunt die Salate, in allen Farben, die besten Öle, Zitronen, Essig, ayurvedische Gewürze, die warmen Speisen mit leckerem Gemüse der Saison, Linsengerichten (Dhal), Reis und Quinoa. Eigentlich alles vegan, doch sowohl zum Brunch als auch abends gibt es Butter, Milch und Quarkspeisen für die „normalen“ Vegetarier und alle anderen.

Die Vollpension sieht hier so aus: ab sieben Uhr morgens stehen Früchte wie Äpfel, Birnen, Bananen und Kiwis im Speisesaal zur Verfügung, von 11 bis 12 Uhr gibt es dann einen Brunch mit Salaten, warmem Essen und Frückstücksangebot, zwischen 18 und 19 Uhr dann das Abendbuffet. Tee und gereinigtes Wasser ist den ganzen Tag zu haben.

Es wird langsam wärmer. Nach dem Morgenritual und einer schönen Yin-Yogastunde mit vielen Dehnungen fühle ich mich innerlich geweitet. Danach habe ich Lust auf eine kleine Exkursion und durchstreife die schneeweiße Landschaft nahe der Autobahn. Vorbei am Wallfahrtskirchlein.

Die Aussicht auf die Berge genießend bin ich etwas unschlüssig, ob ich durch den schlecht begehbaren Wald ins Tal Richtung Nesselwang gehen soll. Ich entscheide mich dagegen, mein Schuhwerk ist nicht auf Wandern, sondern Flanieren ausgerichtet. Ich tanke Sonne und lade meine inneren Akkus mit Licht auf nach dem extrem düster grauen Winter dieses Jahr.

3. März

Heute mache ich eine kleine Wanderung in die andere Richtung, durchs Dorf aufwärts Richtung Schnakenhöhe, dann ein einstündiger Rundweg über das verschlafene Dörfchen Guggemos. Atemberaubend breitet sich das Alpenpanorama vor mir aus. Ich genieße die Luft und nehme bewusst ein paar tiefe Atemzüge. Nur ein Traktor und ab und zu ein paar Spaziergänger kreuzen meinen Weg an der Straße. Die wenigen Autos, die ich an einer Hand abzählen kann, sind kein Vergleich zum Verkehr im feinstaubbelasteten Großraum Stuttgart. Ein paar Ziegen hinter einem Zaun kommen mir neugierig entgegen. Querfeldein gehe ich wieder Richtung Maria Rain und durchquere das Anwesen eines großen Bauernhofes, vorbei an einem kleinen Teich, über  den kleine verwitterte Skulpturen wachen. Ich habe den Eindruck, dass hier Mensch und Natur noch im Einklang sind.

Am Abend gibt es im Yogazentrum einen längeren Satsang, das Chanten kommt mir nun leichter von den Lippen. Ich schlafe auch die dritte Nacht sehr gut hier.

4.März

Ein Morgen, der das Herz öffnet. Ich schaue aus dem Fenster des Speisesaals und begrüße die aufgehende Sonne. Auf den Wiesen schmilzt der Schnee, das erste Grün ist zu sehen. Die Stille mit den anderen ist schön und selbstverständlich. Denn vor 7.30 Uhr, vor der Morgenmeditation, wird nicht gesprochen, was mir sehr entgegen kommt. Nach einer schönen und nicht zu anstrengenden Yogastunde freue ich mich auf das vegetarische Buffet. Nach dem Packen und Zimmer aufräumen mit meinen beiden anderen Mitbewohnerinnen möchte ich Sylvia, die bislang Yoga übers Internet gelernt hat, meinen kleinen Rundweg vom Vortag zeigen. Es ist warm und sonnig geworden, Föhnwolken sind am Himmel zu sehen, 15 Grad, fast zu warm, denn ich habe mich nun an die Kälte gewöhnt. Welcher Unterschied in nur 3 Tagen, schnurstraks vom Winter in den Frühling!

Ich beschließe, heute nicht spazieren zu gehen und überrede meine Begleiterin zu einem Stopp im Café mit Panoramablick. Es ist voll wie die Straßencafés der Städte an einem Frühlingstag. Wir trinken einen Capuccino, lassen die Seele baumeln und verabreden uns lose für irgendwann mal wieder in diesem Leben. Dann gehen wir beide wieder unserer Wege. Ich hole gegen 15 Uhr nachmittags meinen Rucksack, den ich unten abgestellt habe, laufe die Straße lang Richtung Bahnstation und werfe einen letzten Blick auf die Berge des Ostallgäus. Ich weiss, ich werde wiederkommen.

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