Mon amie Pascale

moulin2017Endlos säumen Brombeersträucher links und rechts den Halbhöhenweg zwischen Amplepuis und Cublize. Die warme Septembersonne gibt den schwarzen Beeren die letzte Süße. Pascale pflückt mir die Schönsten und reicht sie mir. Wir essen uns an den Brombeerbüschen satt, die uns fast verschwenderisch ihre Genüsslichkeiten anbieten. An diesem schönen Spätsommertag tun wir das, was wir am liebsten zusammen tun: durch die Landschaft schlendern, spazieren gehen. Nicht walken, nicht wandern, nicht joggen. Ohne Rucksack, ohne Proviant. Gerade haben wir Paulette, Pascales Mutter einen Besuch auf ihrer herrlichen Terrasse abgestattet. Nächstes Jahr kennen wir uns 40 Jahre. Und es ist immer wie gestern, wenn wir uns ein Jahr nicht gesehen haben.

Wir waren noch jung, als wir wochenlang im Land der Freundin blieben. Pascale während meines Studiums bei mir in Tübingen und ich während Pascales Ausbildung in Lyon. Jetzt sind es meist nur ein paar Tage, aber nicht weniger intensiv. In den 80 er Jahren hat Pascale mit mir in meinem Studentenzimmer gewohnt, sich dort auf ihre Prüfung als Krankenschwester vorbereitet, während ich in meine Vorlesungen an der Uni ging. Einmal ist meine Freundin in Tübingen zum Blutspenden gegangen, weil wir kein Geld mehr hatten und sie ihrer Schwester zum Geburtstag ein besonderes deutsches Souvenir mitbringen wollte: eine Schallplatte mit einer Wagneroper. Wie glücklich war sie, als sie die 40 Mark in den Händen hielt – das gab es in Frankreich nicht.

Abends sind wir tanzen gegangen, es gab immer einen Ort in dieser Studentenstadt, wo dies auch unter der Woche möglich war. Manchmal nahm ich sie an die Uni mit, denn ich studierte Pascales Muttersprache: Französisch. Ich sei schuld, dass sie nie Deutsch gelernt habe, meint sie oft augenzwinkernd auf die Frage von anderen, warum sie nach so langer Zeit immer noch kein Deutsch spreche. Es stimmt, ich profitierte von meiner französischen Freundin, konnte durch sie in eine andere Identität schlüpfen und das Ineinanderfließen der Wörter, die Melodie der Sätze und die schöne Nasalität der Sprache genießen. Ich vergaß dabei, sie in meinem Heimatland mit den einfachsten deutschen Floskeln und Sätzen vertraut zu machen. Manchmal übersetzte ich ein wenig, wenn sie mit anderen sprach, aber sie meisterte die Verständigung in Deutschland auch ohne mich par excellence mit ihrer Gestik, ihrer Mimik, ihrer Offenheit und ein paar Brocken Englisch. Pascale hat diese, wie man heute neudeutsch sagen würde, kommunikative und soziale Kompetenz, die eine Sprache und Kultur auf wunderbare Weise erweitert. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit behinderten Menschen und hat die universelle Sprache des Herzens und der Gesten zur Perfektion entwickelt.

Einmal zauberte sie wie aus einer Schatzkiste eine Menge Wörter auf Deutsch hervor. Ich war baff und wusste gar nicht, woher sie die hatte, dass sie mehr sagen konnte als danke und Grüß Gott. Etwas beschämt war ich, als ich feststellte, dass nicht ich es war, die sie ihr beigebracht hatte. So nebenbei hatte sie sich einen kleinen Wortschatz erarbeitet, zu dem ich bislang keinen Zugang hatte. Wir waren ja immer auf unserer französischen Sprachinsel.

In den ersten Jahren unserer Freundschaft war es ein Hin – und Herreisen: In den Semesterferien bin zu Pascale nach  Lyon „gezogen“, wo ich mich nicht sattsehen konnte am römischen Erbe der Zweiflüssestadt, den eleganten Seidentüchern in den Vitrinen der Geschäfte, und mich nicht sattessen konnte am leckeren Kartoffelgratin, dem Kopfsalat mit der vorzüglichen Dijonsenfsauce, dem Couscous der kleinen nordafrikanischen Restaurants und den duftenden Croissants aus den Bäckereien, die ich wie die Franzosen in den Bol meines Café au lait tunkte. Wir haben stundenlang auf die französisch-brasilianischen Rhythmen von Bernard Lavilliers getanzt. Selbst wenn wir Paulette und Pacales Vater in Amplepuis besuchten, lief unsere Lieblingsmusik in voller Dröhnung vom oberen in den unteren Stock und wir sangen laut mit.

Kennengelernt habe ich Pascale über meinen Bruder. Bei einem Partnerschaftstreffen in Gültstein, zu dem sie mit der Musikkapelle aus Amplepuis als Klarinettistin angereist war. Mein Bruder spielte Saxophon im Musikverein der Partnergemeinde und freundete sich mit der temperamentvollen Französin schnell an. Von ihr ermuntert stieg der damals 17-Jährige am Ende des deutsch-französischen Wochenendes in den Bus Richtung Frankreich und verbrachte eine Woche in Pascales Familie. Nicht nur unsere Eltern, auch der damalige Bürgermeister von Amplepuis waren, deutsch-französische Freundschaft hin oder her, hell entsetzt. Dafür wurde mein Bruder in Pascales Familie wohlwollend aufgenommen und Mamie Paulette erzählt heute noch gerne von ihrer Überraschung, plötzlich einen hochgewachsenen blonden Jüngling mit blauen Augen vor ihrer Tür zu sehen. Ich selbst erfuhr von der Geschichte erst einige Wochen später und war neugierig geworden, Pascale im darauffolgenden Jahr bei einem neuerlichen Besuch im Wohnort meiner Eltern kennenzulernen. So wurden wir Freundinnen und die zaghafte erste Verbindung zu meinem zwei Jahre jüngeren Bruder geriet bald in Vergessenheit.

Fünf Jahre später wurde aus Pascale Ravit dann Pascale Casado, denn sie heiratete Tony, einen Franzosen mit spanischen Wurzeln, mit dem sie auch heute noch glücklich durchs Leben geht und drei Kinder hat. Es wurde ausgiebig am lac des sapins – dem „Tannensee“ in Cublize gefeiert, ein beliebtes Ausflugsziel der Städter aus Lyon. Die lokale Presse berichtete ausgiebig von dieser Hochzeit, denn am selben Wochenende gaben sich auch eine andere Französin aus Amplepuis und ein junger Mann aus Gültstein in der katholischen Kirche das Ja-Wort. So wurde das beschauliche französische Städtchen zum Schauplatz einer französisch-spanischen und deutsch-französischen Doppelhochzeit, mit Gästen aus ganz Frankreich, Spanien und Deutschland.

Ich hatte Sorge, dass nun unsere Wege auseinanderlaufen würden, sie, die verheiratete, voll berufstätige Frau, die sicher bald Kinder bekommen und trotzdem voll weiterarbeiten würde. Ich, die Studentin, die ihr Studium noch nicht abgeschlossen hatte und mit 25 Jahren in einer komplett anderen Lebenssituation war. Und genauso kam es: Pascale bekam nacheinander Arnaud, Adrien und Laura, arbeitete wie all diese Super-Französinnen nach dem Mutterschutz bald wieder Vollzeit. Wir hatten uns aus den Augen verloren. Als sie mir einen Brief nach Lauras Geburt an die Adresse meiner Eltern schrieb, um mich zu fragen, ob ich Patentante für Laura werden wollte, lebte ich in Frankfurt und der Brief wurde aufgrund orthografischer Fehler nicht zugestellt. Als Laura zwei Jahre alt war, wollte ich Pascale wiedersehen und ihre Kinderschar kennenlernen. Die Familie wohnte in der Zwischenzeit in einem Vorort von Lyon und ich war als Journalistin eine Woche im burgundischen Montbéliard unterwegs, um eine Reportage über die ehemalige deutsche Grafschaft Mömpelgard und die protestantische Minderheit zu machen. Mit meinem Polo fuhr ich die Route Nationale gen Süden und wusste, dass nun ein neuer Abschnitt für unsere Freundschaft beginnen sollte. Ich stellte erleichtert fest: meine Freundin war als Mutter dieselbe geblieben, die ich gut zehn Jahre zuvor kennengelernt hatte.

Seitdem tauche ich immer wieder ein in neue Folgen des französischen Urlaubs- und Lebensgefühls, das ich schon die Jahre zuvor kennengelernt hatte. Am lac des sapins, wo Pascale und Tony geheiratet haben, gehe ich gerne schwimmen – oder mit Pascale spazieren. Auf der Terasse in Cublize unweit des Sees werden selbstgemachte Liköre, Salat aus dem Garten, Terrinen, Quiches, Steaks, Gazpacho und Weine aus dem Beaujolais serviert. Zu besonderen Anlässen gibt es für deutsche Gäste wie mich Froschschenkel. Bei einer dieser Gelegenheiten beging ich den Fauxpas, einen Froschschenkel nur kurz anzuknabbern. Es war mir peinlich, aber ich konnte das

angeblich wie Hühnchen schmeckende Amphibienfleisch nicht essen. Aber auch Tony erlaubt sich, mir in Deutschland zu sagen, dass er meinen Kaffee nicht trinken könne.
So ist das unter Freunden, man darf direkt sein.

Inzwischen sehen wir uns ein bis zwei Mal im Jahr, entweder bei den intensiven, warmherzigen Partnerschaftstreffen mit viel Musik und Tanz in Gültstein und Amplepuis, wo Pascale immer noch im Orchester ihre Klarinette spielt oder bei unseren privaten Besuchen während der Sommerferien. Pascale Kinder sind nun auch mit meiner Tochter befreundet, sprechen mit ihr aber englisch und deutsch. Geheiratet hat noch niemand von den dreien, denn die Zeiten ändern sich auch in Frankreich. Aber trotzdem werden Ende diesen Jahres zwei paar Hausschuhe mehr an der Tür stehen, wie man in Frankreich sagt. Dann werden Arnaud und Laura meine Freundin Pascale zur zweifachen Großmutter machen.

Weiterführende Links:

„Gäubote“ v. 26.08.2017

Ein Wintertag im Beaujolais Vert

 

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