Hoffnung mit Hölderlin

Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch, scheint Hölderlin mit Blick auf den Stocherkahn zu denken. Ein ausnahmsweise mal leicht verständlicher Satz des schwäbischen Lyrikers, der im Hölderlinjahr 2020 und in Pandemiezeiten durchaus etwas Tröstliches hat (das Werk des Dichters, der in diesem Jahr seinen 250.Geburtstag feiert, hat ansonsten ja eher etwas Kryptisches). Der Künstler Ottmar Hörl hat nun der Stadt Tübingen und seinen Bürgerinnen und Bürgern 250 Plastik-Hölderline auf die Neckarmauer und die Stiftskirchentreppe gestellt, die noch bis zum 25.Oktober bewundert werden dürfen.

An der Neckarmauer sind sie fixiert, an der Treppe ist es erlaubt, den einen oder anderen Hölderlin umzuplatzieren oder sich neben ihn zu setzen.
Bei der Gelegenheit ist auch die gut gemachte multimediale Ausstellung im Hölderlinturm zu empfehlen, die mir persönlich das Werk des Lyrikers etwas mehr erschlossen hat. Sie ist noch das ganze Jahr von Montag bis Donnerstag zwischen 11 und 17 Uhr bei freiem Eintritt zu sehen und mit allen Sinnen zu erfahren.

Auf dem Tegernseer Hausberg

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Er gilt nicht nur als der Hausberg der Tegernseer Region, nein, auch die Münchnerinnen und Münchner sehen ihn als „ihren“ Berg an: die Rede ist vom Wallberg, 1722 Meter hoch über Rottach-Egern gelegen, der zum Mangfallgebirge gehört. Gut, dass wir in einer Viertel Stunde mit der Gondel oben sind, ohne die Strapazen eines Aufstiegs. Hier oben liegt einem der Tegernsee zu Füßen.

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Panta rhei: Radeln am Neckar

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Der Neckar zwischen Bad Niedernau und Obernau

Panta rhei, alles fließt, meinte Heraklit, so wie der Neckar die gut 360 Kilometer von seinem Ursprung bis zur Mündung. Der griechische Philosoph vergleicht das menschliche Sein mit einem Fluss. Alles fließt und nichts bleibt, alles ist nur ein ewiges Werden und Wandeln. Um wieder in den Fluss (oder den Flow) zu kommen, ist der gut ausgeschilderte Neckartalradweg zwischen Horb und Tübingen eine schöne Radleretappe.

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Horb am Neckar

Ein wahrer Genuss ist es, sich durch die idyllische Flusswelt mit den pittoresken Weilern treiben zu lassen.

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Wasserhüterin in Bieringen

Auch die weibliche Naturphilosophie beinhaltet das panta rhei des Heraklit. In Bieringen, das idyllisch an zwei Flüssen und Quellbächen liegt, begegnet einem das Kunstprojekt Wasserhüterinnen an der Brücke. Die Künstlerin Theresia K. Moosherr beschreibt es als Symbol des Weiblichen, als Bewahrerin der Schöpfung und für ein Denken, das auf Ganzheit setzt.
Die Wasserhüterinnen sind auch am Mühlsteig in Bad Cannstatt zu sehen. Das Kunstprojekt soll eines Tages den ganzen Lauf des Neckars von der Quelle bis zur Mündung umspannen.

Immer am Fluss entlang geht es weiter. Wer jetzt seine Muskeln und Blutbahnen mit Magnesium und Calcium aus den hiesigen Quellen versorgen möchte, kann auf der Fahrt einen Abstecher zur Sprudelfabrik in Obernau machen. Oder als Alternative im nächsten Ort, Bad Niedernau, zur alten Römerquelle radeln. Das Wasser dort ist übrigens auch behütet, allerdings vom Relief des gallo-römischen Quell-und Heilgottes Grannus. Um zur Römerquelle zu kommen, muss man den Radweg verlassen und in den Ort hinein bis hinter den Kurpark radeln.

Weiter gehts nach Rottenburg. Auch hier wieder Spuren der Römer, die mit Sumelocenna eine der wichtigsten römischen Verwaltungsstädte im heutigen Baden-Württemberg gründeten.

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Rottenburg: Blick auf Das Gästehaus am linken Ufer und die alte Manufaktur
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Schwanenfamilie am Neckar in Rottenburg

Im späten Mittelalter war es Mechthild von der Pfalz, die am Neckar in Rottenburg der Kunst und Kultur zur Blüte verhalf und die Universität Tübingen gründete (der Name Eberhard-Karls-Universität geht auf ihren nicht minder wichtigen Sohn zurück, der auch einen Anteil daran hatte. Der spätere erste Herzog von Württemberg indes war nicht der Gründer der Uni, wie auf einem Mechthild-Symposium 2019 zu erfahren war).
Seit dem 14.Jahrhundert bis 1805 gehörte Rottenburg zu Vorderösterreich, was man auch an den historischen Bauwerken am Marktplatz sieht. Später wurde das katholische Rottenburg dann zu einer Diözese mit Bischofssitz.

Nur gut zehn Kilometer entfernt liegt die alte protestantische Residenz- und Universitätsstadt Tübingen. Zwischen den beiden so unterschiedlichen Städten schauet die Wurmlinger Kapelle still ins Tal hinab (Ludwig Uhland), eine Landmarke, die man kilometerweit sieht. Am Ende der inspirierenden Fluss-Etappe hat man dann das Wahrzeichen Tübingens, den Hölderlinturm am Neckar erreicht und ist mitten drin im Postkartenmotiv mit Stocherkähnen. Hier kann man nun vom Rad aufs Ruderboot, Tretboot oder in den Stocherkahn umsteigen und dort die Seele baumeln lassen.

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Neckarfront in Tübingen mit Hölderlinturm

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch – dieses Zitat von Hölderlin wurde im Pandemiejahr zu einem regelrechten Leitmotiv. 2020 wurde der 250.Geburtstag von Hölderlin begangen. Auch wenn vieles im Jubiläumsjahr nicht stattfinden konnte: das neugestaltete Hölderlinmuseum lädt wieder von Dienstag bis Sonntag zu einem Rundgang ein. Im Turm verbrachte der schwäbische Lyriker 35 Jahre seines Lebens in der Obhut der Schreinersfamilie Zimmer und hinderte seine „Pflegeeltern“ am Schlafen, wenn er des nachts durch den Flur schritt, um seine Gedichte besser skandieren zu können.

Auf http://www.hoelderlinturm.de gibt es Hintergrundsinformationen mit Podcasts und TV-Beiträgen, besondere digitale Angebote wie eine Jahreszeiten-Gedicht-Maschine und Workshops zum kreativen Umgang mit Sprache.

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Im Hölderlinturm Tübingen

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Lilien auf dem Felde

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Nehmet wahr der Lilien auf dem Felde, wie sie wachsen: sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch aber, dass auch Salomo in aller seiner Herrlichkeit nicht ist bekleidet gewesen als deren eines. (Evangelium nach Matthäus)

Auch wenn ich keineswegs bibelfest geschweige denn bibeltreu bin, möchte ich nach dem neuen noch das alte Testament bemühen: ich wähne mich hier wahrlich im Paradiesgarten. Oder wie der französische Philosoph Voltaire meinte: Das Paradies ist da, wo ich bin.

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Blütenträume in Nachbars Garten

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Eigentlich wäre heute, am 23. April die Eröffnung gewesen: Die Landesgartenschau in Überlingen am schönen Bodensee wird verschoben. Nun haben die neu gepflanzten Blumen und Bäume, das Schilf und die Stauden ein Jahr Zeit weiter zu wachsen und
werden ihre Fülle am 9. April 2021 dem Publikum in noch größerer Pracht präsentieren. Einstweilen begnügen wir uns mit den Blüten in Nachbars Garten und am Wegesrand. Und finden vielleicht Trost in dieser Rilke-Strophe:
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Ziegen unter Schäfchenwolken

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Wo hört die Wahrheit auf, wo fängt das Märchen an?

Hoch oben am südlichen Rande des Schönbuchs liegt im Gäu eine Landschaft wie aus dem Paradiesgarten. Wo Ziegen unter Schäfchenwolken weiden, blühen im Frühjahr Kirsch, – Apfel- und Zwetschgenbäume soweit das Auge reicht.  Vögel tirilieren in den Lüften und manch scheues Reh wagt sich in der Dämmerung aus dem Wald und lässt den Blick über das Ammertal schweifen.
Vor einigen hundert Jahren haben in einem Dörflein namens Mönchberg fleißige schwäbische Mönche Wein angebaut, da, wo jetzt die Streuobstbäume am Hang in Blüte stehen. Und weil der Wein von hier so schmackhaft war, ging sein Ruf sogar bis hinauf in den Norden des Landes und wurde dort gerne getrunken.

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In dieser Landschaft wie aus der Zeit gefallen, wähnen sich aufmerksame Wandersleute manchmal in der Grimmschen Märchenwelt:

In jener Zeit also, als die Mönche in Mönchberg noch Wein kultivierten, machte sich an einem Tag im sprießenden Frühjahr ein Mädchen auf den Weg in den Wald. Es trug über seinem Arm ein Körbchen mit schwäbischem Hefezopf und dem fruchtigen Wein dieser Gegend. Das arme Kind hatte seine Eltern früh verloren und wollte nach langer Zeit wieder einmal die gute Großmutter in ihrer Hütte im Buchenwald besuchen. Man muss nämlich wissen, zu jener Zeit wütete die Pest in allen Landen und die Großmutter, eine weise und heilkundige Frau, hatte sich schon lange in den Wald zurückgezogen, um aus Kräutern, Blüten und Beeren Arzneien herzustellen.

So ging das Mädchen dahin und machte kurz vor dem Wald Rast, um ein paar Blumen auf der Wiese zu pflücken. Als es so viel zusammen hatte, dass es keine mehr tragen konnte, naschte es ein bisschen vom Kuchen und probierte vom himmlischen Tropfen. Dann fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich leichten Fußes auf den Weg zu ihr.

Liebe Leserin, lieber Leser, wie würdest du das Märchen weiterschreiben?

Laura Vicente Antunes hat in der interkulturellen Schreibwerkstatt Herrenberg diese Fortsetzung geschrieben:

Alsbald traf es am sprudelnden Bach auf den Bäckersburschen, einen kräftigen Jungen von sonnigem Gemüt und immerzu leuchtenden Augen. „Heda, Mädchen, wohin des Weges?“, rief er ihm zu. Das Mädchen verließ den ursprünglichen Pfad und eilte zu ihm hin, denn es mochte den Bäckersburschen gar gern. „Ich besuche die Großmutter und bringe ihr Hefezopf und Wein“, antwortete es. „Wie glücklich sie sich schätzen kann, dass sie so eine eifrige Enkelin hat. Bist du gewillt, mir ein paar Minuten deiner kostbaren Zeit zu opfern und mir beim Fischen Gesellschaft zu leisten?“

„Ich würde ja gerne, aber ich muss weiter zur Großmutter. Sie arbeitet unermüdlich, um die Pest aufzuhalten und die Kranken zu heilen und ich will ihr ein kleines Geschenk machen.“ Der Bäckersbursche nickte, dann hob er den Stock, den er zu einer Art Speer geschnitzt hatte, blickte konzentriert ins Wasser, stieß zu und schon hatte er einen schönen, fetten Fisch gefangen. „Bring den deiner Großmutter. Und bestell ihr recht herzliche Grüße von mir.“ Das Mädchen bedankte sich, nahm den Fisch und legte ihn zu den anderen Speisen in den Korb. Dann verabschiedete es sich von dem Bäckersburschen mit dem Versprechen, auf dem Rückweg wieder bei ihm vorbeizuschauen.

Bald darauf erreichte das Mädchen schließlich die Hütte seiner Großmutter. Frohen Mutes klopfte es an und nach einiger Zeit erschien das runzelige Gesicht einer alten Frau am Fenster. „Großmutter, ich bin’s!“, sagte das Mädchen. Ein Strahlen überzog das Gesicht der Alten und sie öffnete rasch die Tür, um ihr geliebtes Enkelkind in die Stube zu lassen. Das Mädchen stellte den Korb auf den Tisch und wurde dabei einer Vielzahl von kleinen Töpfen und Schalen gewahr, die allesamt mit einer bitter riechenden Salbe gefüllt waren. „Ist das die Medizin, die Kranke heilen kann?“, fragte es. Die Großmutter nickte. „Ja, das ist sie. Doch zeig, was hast du in deinem Korb?“ Und das Mädchen holte all die guten Sachen heraus, die es der Großmutter gebracht hatte. Sogleich deckte die Großmutter den Tisch und sie taten sich an den leckeren Speisen gütlich. „Mädchen, sag, woher ist der Fisch? Er ist so prall und rund“, sagte die Großmutter mit Erstaunen. „Der Bäckersbursche hat ihn gefangen. Ich soll dir recht herzliche Grüße bestellen.“ „Ja, mei, ihm sei’s gedankt. Ein wahres Prachtexemplar.“ Das Mädchen blieb den ganzen Tag bei der Großmutter und kehrte erst heim, als die Sonne bereits hinter den Bergen versank.

Eines Tages erreichte die Pest auch das Dorf des Mädchens. Der Bäckersbursche lag ebenfalls krank darnieder und so wurde das Mädchen erneut zur Großmutter geschickt, Medizin zu holen. Das Mädchen, das Tage um Tage an seinem Bett verweilt hatte, gab ihm einen Kuss auf die mit Beulen übersäte Stirn und machte sich auf zur Großmutter. Als es den Bach erreichte, da es Stunden voller Frohsinn mit ihm verbracht hatte, wurde sein Herz schwer und Sehnsucht trübte seine Sinne. Das Rauschen des Wassers klang nun nicht mehr fröhlich, sondern gleichmütig und das kalte Nass war nicht länger erfrischend, sondern lähmend. Rasch eilte es fort, der Hütte der Großmutter entgegen. Es klopfte an die Türe und als diese geöffnet wurde, warf es sich in die schützenden Arme seiner Großmutter. Diese zog das weinende Mädchen an sich, beruhigte es und hieß es einen Tee trinken. „Der beruhigt die Nerven“, sagte sie und drückte ihrer Enkelin eine Tasse heißen Tee in die Hand. Nachdem das Mädchen davon getrunken hatte, erzählte es von der schlimmen Lage in seinem Dorf und dass es gekommen sei, um Medizin zu holen.

Die Großmutter nickte und begann, einige Fläschchen mit Salben einzupacken. Dann blickte sie auf das Mädchen hinunter, legte die Hände auf seine Schultern und sagte: „Ich habe meine Medizin mit Fischöl verfeinert. Das verstärkt die Wirksamkeit. Der Bäckersbursche hat uns ein wahres Geschenk gemacht.“ „Heißt das, er wird schnell wieder gesund?“, fragte das Mädchen und Hoffnung keimte in seinem Herzen. Die Großmutter lächelte gütig und nickte. „Jetzt bring die Medizin zu den Leuten im Dorf, mein tapferes Mädchen. Sie werden sie nötig haben.“ Und das Mädchen gehorchte und brachte die Medizin zu den Leuten. Zwei weitere Tage verbrachte es am Bett des Bäckersburschen und hielt seine Hand, bis schließlich die Beulen auf seiner Stirn zurückgingen und das Fieber sank. Er schlug die Augen auf, erblickte das Mädchen und sagte seinen Namen.

Da hüpfte das Herz des Mädchens voller Freude und es schloss den Freund in die Arme. Auch die anderen Bewohner des Dorfes wurden geheilt und als sie erfuhren, wem sie ihre Heilung zu verdanken hatten, feierten sie ein großes Fest für das Mädchen und den Bäckersjungen. Die beiden Kinder und die Großmutter aber kürten sie zu Ehreneinwohnern.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute….

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Sonnenaufgang, Soleil levant

Sonnenaufgang 2020 auf der A 81, Sonnenaufgang 1872 an der Seine. Fast 150 Jahre liegen zwischen der Fotografie vom Gründonnerstag und dem Bild von Claude Monet. Die Sonne ist dieselbe.
Wie sich die Bilder ähneln: ein roter Feuerball, gerade über der Horizontlinie aufgegangen, der Himmel im bläulichen Dunst, der in ein gelbliches Orange übergeht. In den Rücklichtern der Autos scheint sich die Sonne zu vervielfachen, wie sie sich im Wasser der Seine spiegelt.

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Noli me tangere auf dem Skulpturenpfad

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Stiftskirche Herrenberg – Blick vom Skulpturenpfad

Was tun, wenn die Türen von Ausstellungen geschlossen sind und auch andere kulturelle Inputs in weiter Ferne?
Beim Spazierengehen habe ich mir deshalb wieder mal den Jerg Ratgeb Skulpturenpfad vorgenommen, der vom Herrenberger Bahnhof bis zum Schlossberg hochführt, ein Freiluftmuseum also. Wie schön, dass Kunst auf diese Weise schweren Zeiten trotzt.
Jerg Ratgeb war ein Maler und wichtiger Anführer der aufständischen Bauern in Süddeutschland und hat zu Zeiten Albrecht Dürers gelebt. 1526 wurde er, gut vierzigjährig, durch die damals übliche Foltermethode der Vierteilung hingerichtet.

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Thermenfreuden unter Tannen

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Therme Bad Teinach Januar 2020

Für mich gibt es nichts Schöneres, als im neuen Jahr in das heilende Wasser einer Schwarzwaldtherme einzutauchen und dabei draußen die frische Tannenluft zu genießen. Baden-Württemberg, so war jetzt auf der CMT, der weltweit größten Touristikmesse in Stuttgart zu hören, ist das Bäderland Nummer eins.

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