Als ich Weihnachtsfreude holen ging

Porträt einer Jahrhundertfrau

Als ich Tante Elli in der Vorweihnachtszeit anrufe, kommt sie gerade aus der Küche. „Ich habe mich durchgerungen, noch einmal Plätzchen gebacken“, stöhnt sie. Was für welche denn, frage ich, denn ich habe keine gebacken. „Ach, so quer durch den Garten: zusammengesetzte Mürbteigplätzchen mit gefüllter Marmelade in der Mitte, dann Zimtplätzchen für die Verdauung und Ingwerplätzchen für die Gesundheit. Und Vanillekipferl, die müssen immer sein“. Pariser Stangerl und diese Nussstangen mit Zitronenglasur habe sie nicht mehr geschafft. Die Backaktion, so höre ich raus, hat meine Tante total aus ihrer Balance gebracht: sie finde manche Rezepte nicht mehr, habe zittrige Hände und dauernd falle ihr was runter.

Ich hätte gerne mit ihr zusammen gebacken und frage mich, wie die Leckereien aus ihrer Heimat wohl schmecken. Das letzte Mal, als ich da war, hat sie mir Marillenknödel gemacht, von denen ich zwei Tupperdosen auf Vorrat mit nach Hause genommen habe. Am liebsten würde ich sie schnell mal besuchen, aber Tante Elli wohnt zu weit weg. Sie wohnt im westfälischen Unna, kommt ursprünglich aus dem Sudentenland, dem heutigen Tschechien und ist etwas ganz Besonderes für mich: die alte Dame ( ja ich darf alte, nicht ältere Dame sagen) ist fast 99 Jahre alt. In Worten: neunundneunzig. Für mich ist das eine magische Zahl, genau wie ihr Geburtsjahr 1919. Im April werde ich an ihrem neunundneunzigsten Geburtstag dabeisein. Während des Gesprächs tanzt diese Zahl, genau wie die Plätzchen, vor meinem geistigen Auge. Tante Elli ist mein großes Vorbild, was überleben, gut leben und lange leben angeht.

Dass sie Plätzchen backe, das sei dieses Jahr das letzte Mal, meint sie. Es reicht, zu aufwendig und außerdem nur die Hälfte geschafft. Was aber nicht heißt, dass Tante Elli ans Sterben denken würde, nein. Alle, die sie kennen, halten sie sowieso für unsterblich und sie jammert auch nicht rum, dass der liebe Gott sie vergessen habe. Sie hat einen unglaublich wachen, klaren Geist, eine schöne, bildhafte Ausdrucksweise und ihr Akzent, der eine Mischung aus osteuropäisch und österreichisch ist, und ein gerolltes R hat, klingt weich und resolut zugleich. Ein bisschen rauchig, wie Zara Leander. Die hohen, slawischen Wangenknochen verleihen ihr das gewisse Etwas. Die Falten sehe ich nicht, wenn ich sie besuche, sie sieht für mich aus wie immer. Elli ist eine Jahrhundertlady und für ihr Alter top in Form.

Nie verliert sie den Faden bei Gesprächen. Und wenn sie ihn doch kurz verliert, dann findet sie ihn sofort wieder und benennt es: jetzt habe ich den Faden verloren. Nicht das Geschwafel, das jeder von Leuten kennt, die gerne erzählen und dabei vom Hundertsten ins Tausendste und vom Thema wegkommen. Sie ist elegant und geht in Hut, Kostüm und Pumps aus dem Haus. Allerdings mit ihrem „Porsche“, wie sie ihn augenzwinkernd nennt, ihrem Rollator. Die Bushaltestelle ist vor dem Haus und samstags macht sie ihre Einkäufe alleine. „Aber momentan verkriech ich mich in der Hütte und lass den lieben Gott nen guten Mann sein“.

Diese Selbstbestimmheit fasziniert mich immer wieder. Denn Elli lebt alleine in ihrer 4-Zimmerwohnung, kocht und putzt noch selbst („ aber alles geht dieses Jahr viel langsamer, das bin ich gar nicht von mir gewohnt“! ). Hilfe von außen kann Tante Elli eigentlich nicht ertragen, aber ihre Enkelin hat auf einer Pflegekraft insistiert, die ihr täglich, bis aufs Wochenende, beim Strümpfeanziehen hilft und zwei Mal wöchentlich beim Duschen. Und das nette Paar zwei Stockwerke unter ihr, Ingo und Heiner, darf öfter mal Besorgungen für sie machen. Da Heiner Koch ist, haben sie auch eine gemeinsame Leidenschaft.

Aber das mit den Plätzchen, das werde ihr wirklich zuviel langsam. Den ganzen Tag habe sie Rezepte gesucht, die sie verlegt hatte, betont sie noch einmal, verärgert über sich selbst. Und jetzt müssen die Plätzchen fertiggebacken sein, wenn ihre Enkelin kommt. Sie wohnt zwar etwas weiter weg, kümmert sich aber regelmäßig um „Omma“, ist Ärztin und hat die Pflegekraft für Elli organisiert, die diese gar nicht haben wollte. Vier Enkel und zehn Urenkel zählen zur Großfamilie. Die halten sie jung. Und überhaupt: Tante Elli hat nur Menschen um sich rum, die mindestens 20 Jahre jünger sind als sie. Freundinnen, Freunde oder Verwandte in der Generation 80 plus? Fehlanzeige. Und: meine Tante redet nicht über Krankheiten. Wenn ich sie nach ihrer Gesundheit frage: die üblichen Zipperlein, und wechselt das Thema. Für ihre Tochter, Ärztin wie die Enkelin, hat Elli vor vier Jahren Sterbebegleitung gemacht. Sie hatte es genauso schwer wie Tante Elli zu gehen. Aber Tante Elli lebt noch. „Weisst du, Roswitha hat immer gesagt, Mutti, du kommst mir nie ins Pflegeheim, das ist nichts für dich. Daran halte ich mich“. Ihre Tochter ist präsent, das Foto aus dem letzten Südfrankreichurlaub steht auf einem kleinen Tischchen.

Die Enkel und Urenkel haben neben den osteuropäischen Wurzeln auch peruanische. Man kann wirklich nicht sagen, dass es Tante Elli langweilig werden würde. Ich selbst gehöre auch ein bisschen zum Clan, weil sie die Cousine meines Vaters ist und für uns Kinder Ersatzmutter war, als wir klein waren und meine Mutter krank.

Elli

Meinen Vater, der zehn Jahre jünger ist als sie, hat sie natürlich auch überlebt und kam mit ihren damals 94 Jahren alleine mit der Bahn (und dem „Porsche“) zur Beerdigung angereist.

Wie Weihnachten im Sudetenland war, möchte ich wissen. „Ja, wisst ihr denn gar nichts“! ruft sie aus. „Keine Geschenke gabs. Das ist ja heute sowieso alles so übertrieben“. Aber es stand ein Baum im Wohnzimmer, der war sehr schön geschmückt mit vielen Kugeln und Vögelchen. Die Kinder hatten zuvor vergebens versucht, das Christkindl durchs Schlüsselloch zu erspähen, denn es schmückte immer den Baum. Dann gab es ausgebackenen Karpfen mit Kartoffelbrei, weil das Odergebiet, wo sie aufgewachsen ist, auch eine „Teichgegend“ war. Statt Stollen gab es einen Striezel aus Hefeteig, der in einer besonderen Technik mehrmals ausgerollt, zu einem Zopf geflochten und dann pyramindeförmig aufgetürmt wurde. An Heilig Abend gingen die Kinder nachmittags in die Mette, die Erwachsenen um Mitternacht. „Viel hatten wir nicht, denn mein Vater musste ja das Haus abzahlen, und als es dann 1942 soweit war, wars wieder weg“, meint sie ohne Bitterkeit. Als junge Frau ging sie nach Neutitschein in die Hauswirtschaftliche Schule („die Knödelakademie“) und marschierte dafür um fünf Uhr morgens los, eineinhalb Stunden Fußmarsch zum Bahnhof Zauchtel. Danach Krieg, Vertreibung, neue Heimat in Nordrhein-Westalen, mit ihrem Mann, der Ingenieur bei der Deutschen Bahn war, und ihrer damals vierjährigen Tochter. Ihr Mann lebt schon lange nicht mehr, sie gingen irgendwann getrennte Wege. Eine große Leidenschaft von Tante Elli ist neben dem Kochen und Backen die Literatur. „Weisst du, meine Lieblingsgeschichte zu Weihnachten ist von Peter Rosegger : Als ich Weihnachtsfreude holen ging. Genauso wars bei uns auch, ich liebe diese Erzählung! Ich muss sagen, sie hat mich richtig durchs Leben getragen“. Später googel ich diese Weihnachtsgeschichte des österreichischen Dichters und tauche ein in die Welt der Landbevölkerung der k.u.k. Monarchie. Es ist die Erzählung des 12-jährigen Peter, der am Christtag, ohne Geld in der Tasche, kilometerweit durch den Schnee stapft, um Mehl, Salz und Schmalz zu kaufen, bzw. zuvor zwei Gulden Schulden einzutreiben, um alles bezahlen zu können. Auf dem Rückweg – er hat von großzügigen Kaufleuten mehr bekommen, als verlangt – macht er Rast: „Vor dem Kreuz auf die Bank, die für kniende Beter bestimmt ist, setzte ich mich nieder, um Mittag zu halten. Eine Semmel, die gehörte mir, meine Neigung zu ihr war so groß, daß ich sie am liebsten in wenigen Bissen verschluckt hätte. Allein das schnelle Schlucken ist nicht gesund, das wußte ich von anderen Leuten, und das langsame Essen macht einen längeren Genuß, das wußte ich schon von mir selber. Also beschloß ich, die Semmel recht gemächlich und bedächtig zu genießen und dazwischen manchmal eine gedörrte Zwetschke zu naschen.

Es war eine sehr köstliche Mahlzeit; wenn ich heute etwas recht Gutes haben will, das kostet außerordentliche Anstrengungen aller Art; ach, wenn man nie und nie einen Mangel zu leiden hat, wie wird man da arm. Und wie war ich so reich damals, als ich arm war“!

Ein bisschen erinnert mich Peter an Hans im Glück oder ans Sterntalerkind, die gehören zu meinen Lieblingsmärchen.

Peter lässt sich genussvoll ein Brötchen und Trockenobst beim Marsch nach Hause auf der Zunge zergehen und ist dabei glücklich. Und auch meine Tante sagt immer wieder gerne allen, die es wissen möchten: „Ich habe soviel Glück gehabt im Leben“.

Achtsamkeitsseminare sind in, in denen wir es schaffen, eine Rosine eine halbe Stunde lang auf der Zunge zergehen zu lassen, um das Wesentliche wieder zu spüren in unserer gesättigten Welt.

Peter und Elli brauchten sowas nicht. Wollte ich so ein Achtsamkeitsseminar nicht im neuen Jahr mal besuchen? Aber ich habe meinen Plan geändert: habe mir nun von Tante Elli ein sudentendeutsches Plätzchenrezept minutiös erzählen lassen und es nachgebacken. Und habe mir das süße Stück aus der Heimat meiner Vorfahren genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Als ich Weihnachtsfreude holen ging – Tante Elli hat mir dieses Jahr mit ihren Plätzchen und ihrem Lektüretipp das schönste Weihnachtsgeschenk gemacht.

„Gäubote“ v. 23.12.2017

Anmerkung: das Foto oben wurde am 4. April 2018 an Ellis 99.ten Geburtstag aufgenommen (mit freundlicher Genehmigung des Fotografen Günter Klemenz).
Stand heute (31.Mai 2019) lebt die Dame noch und ist an ihrem 100.ten Geburtstag in
ihre alte Heimat, das Sudetenland, gereist.

 

 

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