Der Weg ist das Ziel: durch den Schönbuch nach Bebenhausen

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Nach einer ziemlich langen Zugfahrt quer durch Deutschland nach Hause habe ich beschlossen, am nächsten Morgen zu einer ausgedehnten Wanderung in den Naturpark Schönbuch zu starten, um meinen Gehapparat wieder in Schwung zu bringen. Nie wäre mir in  den Sinn gekommen, mich einer wie auch immer gearteten Wandervereinsgruppe anzuschließen mit dem Ziel, 23 Kilometer nach Bebenhausen bei Tübingen zu wandern. Aber eigentlich war auch nicht das Ziel in meinem Kopf. Eher der Weg als Ziel und vielleicht, so dachte ich, mache ich doch alles anders als geplant. Kein Druck, immer mit der Idee der spontanen Entscheidungsfreiheit. In meinem eigenen Rhythmus, mal schlendern, mal schneller, aber nie im Walking-Stechschritt, mal hie und da im schönen Goldersbachtal verweilen, mir die Schilder in die verschiedenen Richtungen zu Gemüte führen, das würde  mich ganz offen an eine so lange Strecke herangehen lassen. Ja, die Wegschilder in die verschiedenen Richtungen würden mir die Freiheit geben, vielleicht doch lieber einen Haken in eine andere Richtung zu schlagen. Wie der Hase, den ich im Frühjahr auf der Dachteler Heide durch eine gelbe Löwenzahnwiese springen sah.

Ich marschiere  also morgens um halb acht von Kuppingen aus los, den Berg runter Richtung Herrenberg und dann wieder den Berg hoch über den Alten Rain Richtung Naturpark Schönbuch. Der Waldseilgarten und sein Kiosk haben noch nicht geöffnet, sonst hätte ich mir sicher einen Cappuccino gegönnt. Am Waldfriedhof ein kleiner Gruß rüber zu meinem verstorbenen Vater, der diese Tour, die ich nun per pedes vorhabe, mit uns Kindern jeden Sommer mit dem Fahrrad gemacht hat. Das Damwild hinterm Zaun hält sich noch auf Abstand, ein Spaziergänger führt seinen Hund Gassi. Doch dann bin ich durch die magische Pforte drin im Schönbuch, Richtung Neue Brücke, meine nächste Etappe, immer schön durch den Buchenwald. Vorbei an der Fresseiche, wo mal eine Wildsau von Jägern verspeist wurde und nach einer guten Stunde endlich die Neue Brücke, die Wege in alle Himmelsrichtungen öffnet, und die eine schöne Picknickstelle und einen kleinen bedachten Unterschlupf bereithält. Zwei Fahrradfahrerinnen machen mit ihren Kindern Rast, ich lege meine Beine in der Hütte hoch, lausche dem Zwitschern der Vögel und dem Rauschen des Waldes, esse den Rest meines Müslis von heute morgen und fühle mich verbunden mit allem. Überlege dann, ob ich nun doch lieber zurück zum Waldfriedhof oder die knapp 10 Kilometer nach Bebenhausen gehen soll. Nach diversen Visualisierungsübungen (zurück wäre mit einem Anstieg des Wegs über 6 Kilometer verbunden gewesen und mit einer nicht so abwechslungsreichen Landschaft) beschließe ich die Tour de Force auf mein eventuelles Ziel hin und öffne entschlossen das Wildgatter Richtung Bebenhausen.  Jetzt ist der Weg abwechslungsreicher, Wiesen und Gewässer durchbrechen den Wald, das Plätschern des Golderbachs begleitet mich und bringt mich in den Flow des Wassers und so plätschere ich selbst ein bisschen dahin. Wieder eine Wegweiser, ich könnte jetzt rechts zum Schloss Hohenentringen gehen, noch 5 Kilometer und es wäre auch schön. Dass mein Bruder dort im Friedwald unter einer Fichte begraben ist, kommt mir in dem Moment nicht in den Sinn. Mich zieht es geradehaus, ich möchte am Soldatengrab Rast machen, ein vertrauter Bezugspunkt, den auch mein Vater damals immer würdigte.  An diesem frisch bepflanzten Grab setze ich mich, halte inne und lese noch einmal, wie der 19-jährige Victor drei Wochen vor Ende des 2. Weltkrieges hier im Schönbuch verwundet wurde und starb. Ich fühle mich traurig, mir kommen die Tränen, aber alles um mich herum wirkt  sehr friedlich, ich schaue das Foto des jungen Mannes an der Gedenktafel an, und sehe so viel Sanftmut in seinen Gesichtszügen. Das Grab wird von einer Schönbuchgemeinde in der Nähe gepflegt. Seltsam, denke ich, ich grüße hier im Schönbuch nicht nur die Lebenden, sondern auch die Toten. Und ich denke an den Kreislauf des Lebens und des Vergehens, den ich ja auch in dieser wunderbaren Natur wahrnehme.

Der Himmel ist mir hold, es ist weder zu heiß noch zu regnerisch, 23 Grad schätze ich, wie die Anzahl der Kilometer, die ich mir vorgenommen habe. Wie schön, hier zu sein, in dieser wunderbaren Natur, der Schönbuch macht seinem Namen alle Ehre. Als seine Besucherin fühle ich mich tatsächlich als ein Teil von ihm und alle, die ihn besuchen, sind hier sehr achtsam: es gibt keine Abfalleimer und trotzdem ist auf dem gesamten Weg kein Müll zu sehen. Von den Forstämtern der Umgebung wird der Schönbuch mit viel Liebe und Sachverstand gehegt und gepflegt und der Förderverein des Naturparks gibt alljährlich ein vielgestaltiges Programm heraus. Mein nächstes Teilziel ist die Teufelsbrücke, dort möchte ich wieder eine kleine Rast einlegen. Vorbei an einem von Schilf zugewachsenen Gewässer und einem idyllisch gelegenen kleinen See mit Libellen, die ihre Kreise ziehen, erreiche ich die Brücke.

Warum sie so heißt, bleibt mir ein Rätsel, denn die Landschaft ist hier sehr lieblich und keineswegs gruselig. Wer weiss, vielleicht haben hier Räuberbanden ihr Unwesen getrieben, es sollen sich ja viele Bösewichte in früheren Zeiten im Schönbuch versteckt haben. Ich lese auf einer Tafel an der Weggabelung, dass es im 15. Jahrhundert nicht weit von hier eine Glashütte gab, im Goldersbach wurde entsprechendes Material gefunden und herausgefiltert, um vor Ort Glas für Fensterscheiben und Trinkgläser herzustellen. An der Teufelsbrücke gibt es wieder eine Picknickstelle und einen Unterschlupf bei aufkommendem Gewitter. Hier setze ich mich ans Ufer des Goldersbach und gönne meinen Füßen eine kleine Erfrischung im Wasser. Jetzt sind es nur noch vier Kilometer nach Bebenhausen und ich merke, wie ich nun wirklich ankommen möchte. Ich marschiere weiter und spüre, wie mein Blutzuckerspiegel etwas absackt. Wie durch ein Wunder – ich habe nichts mehr zu essen dabei – streckt mir ein wilder Apfelbaum rechts des Wegs eine kleine Frucht entgegen und links erspähe ich eine Brombeerhecke, an der ich naschen kann. Bald kommt wieder eine Lichtung, an der ich schon von weitem Kinder höre. Es ist die Gruppe eines Sommerferienprogramms mit einheitlichen Schirmmützen, die mit ihren Betreuern am Grillen ist. Nicht mehr weit bis Bebenhausen, aber da mein Weg auch mein Ziel ist, lasse ich es mir nicht nehmen, an einem Bücherschrank in Form eines Baums ein bisschen in der Literatur zu schmöckern. Auf der gegenüberliegenden Seite ein idyllischer kleiner Teich mit Seerosen und Fröschen, der gerade von einer Familie in Augenschein genommen wird. Wenn ich mir das Paradies vorstelle, dann ist es hier. Ich weiss, in einer Viertelstunde bin ich angekommen in Bebenhausen mit  seinem alten Zisterzienserkloster, und dem Schloss, das auch der letzte Wohnort des letzten württembergischen Königs vor 100 Jahren war.

Kloster Bebenhausen bei Tübingen
Kloster Bebenhausen bei Tübingen

Ich gehe an den blumengeschmückten schönen Vorgärten vorbei zur Sonne, einem Lokal, das gut schwäbische Spezialitäten unter einer Laube bereithält. Doch ich verspüre keinen Appetit, bin innerlich gesättigt von meiner Tour, stehe davor und weiss plötzlich, ich möchte weder Maultaschen essen noch Kaffee trinken und studiere den am Eingang ausgehängten Busfahrplan intensiver als die Speisekarte. Dann nehme ich den nächsten Bus nach Tübingen, fahre von dort mit der Ammertalbahn nach Herrenberg, lege mich um halb fünf zu einem verdienten Nachmittagschlaf hin und träume, ich läge im weichen, grünen Moos des Waldes.

Ein Kommentar zu „Der Weg ist das Ziel: durch den Schönbuch nach Bebenhausen

  1. Das Ende kommt etwas abrupt, es hat wohl auch stimmungsmäßig nicht mehr für einen württemberger Wein aus Tübingen gelangt? Aber vorher durch den Schönbuch, einen der raren 5 (Rotwildgebiete in B-W, mehr sinds nicht), diesen großen Wald. Ja nun, in Herrenberg haben sie ebenfalls Keltereien…

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